Interview mit Giovanni Briganti 

Ein lernendes Gesundheitssystem, oder keine Souveränität


Wenn ein Begriff zum Schlagwort wird, sollte man zunächst seine Bedeutung hinterfragen.

Genau das tutProf. Giovanni Brigantigleich zu Beginn seines Interviews für dieHealthcare Week Luxembourg 2026.

Als Facharzt für Psychiatrie, Inhaber des Lehrstuhls fürKünstliche Intelligenz und Digitale Medizinan der Universität Mons, Leiter der Abteilung fürComputational Medicine und Neuropsychiatrie, Leiter der Psychiatrie amCHU HELORA,Visiting Professor of Psychiatryan der Universität Oxford sowieLead AI4Health (AI4Belgium)zählt Prof. Briganti zu den führenden Stimmen für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen im französischsprachigen Belgien. Er ist zudem Mitglied desWissenschaftlichen Komitees der Healthcare Week Luxembourg.

Das Leitthema derHWL26Resilience of Tomorrow's Healthcare: From Preparedness to Antifragility – People, Systems & AI– findet in diesem Gespräch eine besonders prägnante Interpretation: die eines Akteurs, der Resilienz als gemeinschaftliche Aufgabe auf Ebene der Großregion versteht und sich bewusst dagegen ausspricht, sie mit bloßer Robustheit gleichzusetzen.

Resilienz entsteht im Netzwerk

„Resilienz ist zu einem Schlagwort geworden – und genau das ist immer ein Zeichen dafür, dass man ihren eigentlichen Sinn hinterfragen sollte. Allzu häufig wird Resilienz mit Robustheit verwechselt, also mit der Fähigkeit eines Systems, Belastungen standzuhalten. Ein Gesundheitssystem sollte jedoch weniger an seiner Starrheit gemessen werden als an seiner Fähigkeit, sich unter schwierigen Bedingungen neu zu organisieren und dabei seine wichtigste Aufgabe weiterhin zu erfüllen: Menschen zu versorgen. Die Pandemie hat dies schonungslos gezeigt: Bestand hatten jene Systeme, die über Redundanz, Handlungsspielräume und vor allem über gemeinsam genutzte Informationen verfügten. Unter diesem Blickwinkel möchte ich Belgien betrachten.“

Seine Analyse Belgiens ist ebenso präzise wie politisch.

„Unser Land weist eine strukturelle Schwäche auf, die selbst durch seine Innovationskraft nur schwer ausgeglichen werden kann: die Zersplitterung der Zuständigkeiten. Zwischen Föderalstaat und Gliedstaaten, zwischen den Sprachgemeinschaften und den verschiedenen politischen Ebenen verteilt sich die Verantwortung für das Gesundheitswesen – und damit auch die Möglichkeit einer kohärenten Digitalstrategie. Das Paradox ist allen bekannt, die in diesem Bereich tätig sind: Dort, wo der Staat eine interoperable Infrastruktur hätte schaffen müssen, haben private Akteure diese nach und nach aufgebaut – Patientenakte für Patientenakte, Plattform für Plattform. Die entscheidende Frage ist daher ebenso politisch wie technisch: Wem gehört die Architektur, die die Gesundheitsdaten der Bürgerinnen und Bürger miteinander verbindet?“

Gesundheitsdaten: Europa eröffnet ein Zeitfenster – sofern wir es nicht gleich wieder schließen

„Mit dem Europäischen Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space – EHDS) erhalten wir erstmals einen gemeinsamen europäischen Rahmen, dessen schrittweise Einführung die primäre und sekundäre Nutzung von Gesundheitsdaten in den kommenden Jahren prägen wird. Das ist eine große Chance – vorausgesetzt, wir reproduzieren auf europäischer Ebene nicht dieselben Silostrukturen, die wir bereits auf nationaler Ebene kennen.“

Diese Aussage knüpft an das an, wasJean-Philippe Arié (Luxinnovation)in derselben Interviewreihe betonte:

„Europa wird in der Lage sein, sich bei seinen Entscheidungen auf vertrauenswürdige und souveräne Daten zu stützen.“

DerEHDSist kein abgeschlossener Erfolg, sondern ein laufendes Projekt – und eines, das durchaus scheitern kann.

Ausbildung als entscheidender Hebel

Prof. Briganti hebt einen Bereich hervor, in dem Belgien eine Vorreiterrolle übernommen hat und an dessen Entwicklung er selbst maßgeblich beteiligt war.

„Was die Kompetenzen betrifft, bin ich nach wie vor überzeugt, dass die Ausbildung der Klinikerinnen und Kliniker der entscheidende Hebel ist – derjenige, ohne den keine Technologie ihr Versprechen einlösen kann. Das französischsprachige Belgien war auf diesem Gebiet Vorreiter: Künstliche Intelligenz und digitale Gesundheit wurden verpflichtende Bestandteile des Medizinstudiums, gleichzeitig wurde durch Initiativen wie AI4Belgium eine gemeinsame Reflexion angestoßen. Dieser Vorsprung ist real, aber auch fragil, denn politische Instabilität und eine fehlende Kontinuität bei der Finanzierung können ihn innerhalb weniger Jahre wieder zunichtemachen.“

Innovation muss allen zugutekommen

„Beim Zugang zu Innovation sollte letztlich eine einfache Frage allen anderen vorausgehen: Für wen funktioniert sie eigentlich? Technologie ist niemals neutral. Ein Algorithmus, der an einer bestimmten Bevölkerungsgruppe validiert wurde, besitzt nicht automatisch denselben Wert in einem anderen Kontext. Innovationen, die nur den ohnehin am besten ausgestatteten Akteuren zugutekommen, verschärfen letztlich genau jene Ungleichheiten, die sie eigentlich überwinden wollen.“

Er schließt mit den Worten:

„Genau deshalb kann ein Land von der Größe Belgiens, im Herzen der Großregion gelegen, Resilienz nicht ausschließlich als nationale Angelegenheit verstehen. Resilienz ist hier ihrem Wesen nach etwas Gemeinsames.“

Die Grenze als Prüfstein

„Grenzüberschreitendes Arbeiten ist zur Voraussetzung für belastbare Ergebnisse geworden. Das wohl am schlechtesten gehütete Geheimnis meines Fachgebiets ist das Ausmaß der Reproduzierbarkeitskrise: Mehr als neun von zehn Studien zur Künstlichen Intelligenz im Gesundheitswesen weisen nach mehreren Analysen methodische Schwächen auf, die eine Verallgemeinerung ihrer Ergebnisse unmöglich machen. Die Ursache ist fast immer dieselbe: Ein Modell wird an einer einzigen Population in einem einzigen Zentrum trainiert und validiert und anschließend als universell dargestellt. Paradoxerweise wird die Grenze hier zum Prüfstein. Ein Modell, das in einem Krankenhaus in Mons validiert wurde, ist erst dann wirklich belastbar, wenn es auch mit luxemburgischen, französischen und deutschen Daten standhält. Die Vielfalt der Populationen, der Kodierungssysteme und der Versorgungspraktiken ist der beste Robustheitstest, den wir haben.“

Diese Einschätzung knüpft an die Aussage vonProf. Simone Niclou(Vize-Rektorin für Forschung, Universität Luxemburg; LIH) in derselben Interviewreihe an:

„Zusammenarbeit ermöglicht größere Daten- und Biobanken sowie aussagekräftige Patientenkohorten, die zu belastbaren Ergebnissen führen.“

Vielfalt ist kein Hindernis für die Wissenschaft – sie ist ihre Voraussetzung.

„Ganz konkret verändert das vier Dinge. Erstens gewinnen Daten an statistischer Aussagekraft und Repräsentativität, sobald sie gemeinsam genutzt werden – was heute durch föderierte Lernverfahren möglich ist, ohne sensible Informationen aus ihrer ursprünglichen Umgebung herauszulösen. Zweitens wird die Validierung von einer internen Formalität zu einer externen, multizentrischen und grenzüberschreitenden Bewährungsprobe. Drittens wird die Ethik zwangsläufig komplexer: Es gilt, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) und den notwendigen AI Act miteinander in Einklang zu bringen – wobei dessen Komplexität manchmal gerade diejenigen abzuschrecken droht, die er schützen soll. Viertens ergibt Skalierung nur dann Sinn, wenn sie von Anfang an grenzüberschreitend gedacht wird und nicht als nachträglicher Export einer lokalen Lösung.“

Was die Healthcare Week Luxembourg belgischen Akteuren bietet

„Was macht also den Unterschied einer Veranstaltung wie der Healthcare Week Luxembourg aus? Für mich ist es zunächst die Nähe, die konkret nutzbar wird. Die Großregion ist ein gelebter Raum, in dem Patientinnen und Patienten bereits heute Grenzen überschreiten, um sich behandeln zu lassen, und in dem grenzüberschreitende Versorgungsabkommen sowie die europäische Richtlinie von 2011 über die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung längst konkrete Gewohnheiten geschaffen haben. Was die HWL bietet, ist genau die richtige Größenordnung: ein Ort, an dem Kliniker, Forschende, Industrievertreter und Entscheidungsträger im selben Raum zusammenkommen – in einem Format, das Gespräche zu Projekten werden lässt.“

„Für belgische Akteure liegt der Mehrwert weniger im Niveau der Diskussionen – das ist auch anderswo häufig ausgezeichnet –, sondern vielmehr in der Fähigkeit, den Weg von der Idee bis zur Umsetzung erheblich zu verkürzen. Forschung, die ausschließlich in wissenschaftlichen Zeitschriften verbleibt, ist eine weitere Form der Reproduzierbarkeitskrise: Wissen, das nie den Weg in die Praxis findet. Die Brücke zur realen Versorgung, zu den Krankenhäusern und zu den Teams vor Ort – genau das unterscheidet einen wirklich nützlichen Kongress von einer weiteren wissenschaftlichen Tagung.“

Eine Vision für 2026

„Wenn ich eine einfache Zielsetzung für die HWL26 formulieren müsste, würde ich nicht zwischen dem Austausch bewährter Praktiken, der Beschleunigung von Projekten, dem Aufbau gemeinsamer Rahmenbedingungen oder der stärkeren Verzahnung von Forschung und Versorgung wählen – denn diese vier Ziele sind letztlich untrennbar miteinander verbunden. Entscheidend erscheint mir der Aufbau gemeinsamer Rahmenbedingungen, weil von ihm alles andere abhängt. Gemeinsame Rahmenbedingungen zu schaffen – also Interoperabilitätsstandards, gemeinsame Validierungsprotokolle und verständliche ethische Regeln auf beiden Seiten der Grenze –, bedeutet, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Erkenntnisse, die einmal gewonnen wurden, nicht an jeder Grenze erneut erarbeitet werden müssen.“

„Im Grunde ist genau das Resilienz: Ein System bleibt stabil, weil seine Bestandteile miteinander verbunden sind. Das Überleben jedes einzelnen Elements für sich genommen hat niemals das Überleben des Ganzen garantiert. Resilienz als gemeinsame Konstruktion zu verstehen – das ist aus meiner Sicht der Anspruch, den sich die HWL26 mit Recht setzen kann.“

📅Healthcare Week Luxembourg – 30. September & 1. Oktober 2026

📍Luxexpo The Box, Luxemburg

Ausstellen • Teilnehmen • Vernetzen →www.hwl.lu