Alberto de Negri, KPMG EMA Head of Healthcare
Alberto de Negri, KPMG EMA Head of Healthcare
Wo bringt KI derzeit den größten Nutzen im Patientenpfad?
KI hat bereits einen spürbaren Einfluss auf die Diagnostik und Früherkennung, wo sie Kliniker bei der Analyse komplexer medizinischer Daten mit höherer Genauigkeit und Geschwindigkeit unterstützt. In der Radiologie, Pathologie und Genomik können KI-Tools Muster hervorheben, die für das menschliche Auge nicht leicht sichtbar sind, wodurch Fehler reduziert und frühere Interventionen ermöglicht werden. Über die Diagnostik hinaus verbessert KI auch das Patientenerlebnis durch Chatbots, virtuelle Gesundheitsassistenten und personalisierte Behandlungsempfehlungen, die Patienten helfen, sich stärker eingebunden und informierter zu fühlen. Zusammengenommen zeigen diese Anwendungen, wie KI eine treibende Kraft entlang des gesamten Patientenpfads sein kann – vorausgesetzt, sie ist in neu gestaltete Versorgungspfade eingebettet, die Innovationen in echten Wert für Patienten umsetzen.
Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung bei der Integration von KI in die klinische Praxis?
Die zentrale Herausforderung ist nicht rein technologischer, sondern organisatorischer und kultureller Natur. Gesundheitssysteme sind komplex, und KI muss sich reibungslos in bestehende klinische Arbeitsabläufe integrieren, ohne bereits überlastete Fachkräfte zusätzlich zu belasten. Vertrauen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle: Kliniker und Patienten benötigen Transparenz darüber, wie KI-Tools funktionieren, Sicherheit über die Qualität der zugrunde liegenden Daten und die Gewissheit, dass Entscheidungen menschenzentriert bleiben. Eine weitere große Hürde betrifft Daten: Experten sind sich einig, dass das Potenzial von KI ohne robuste Datenplattformen nicht voll ausgeschöpft werden kann. Dies bleibt jedoch eine Herausforderung innerhalb der Herausforderung – einerseits aufgrund regulatorischer Beschränkungen und der Frage des Patientenvertrauens bei der Datenfreigabe; andererseits aufgrund der enormen Schwierigkeiten, eine echte semantische, syntaktische und technologische Interoperabilität von Gesundheitsdaten zu erreichen. Und wie die Geschichte bei früheren Innovationswellen zeigt, kann Technologie nur dann ein außergewöhnlicher Wegbereiter sein, wenn auch die Dienstleistungsmodelle neu gestaltet werden – dies gilt jedoch für KI angesichts ihrer allgegenwärtigen und transformativen Natur noch mehr als für frühere Innovationen. Ohne ein Umdenken bei Prozessen und Pfaden besteht die Gefahr, dass das Potenzial von KI ungenutzt bleibt.
Wie wird KI Ihrer Meinung nach in 5 Jahren den Patientenpfad neu gestalten?
In naher Zukunft hat KI das Potenzial, das Gesundheitswesen von einem reaktiven zu einem proaktiven und präventiven Modell zu transformieren. Anstatt dass Patienten hauptsächlich dann ins System eintreten, wenn sie krank sind, werden KI-gesteuerte Analysen eine kontinuierliche Überwachung, frühzeitige Warnungen und personalisierte Risikobewertungen ermöglichen. Diese Entwicklung erfordert nicht nur technologische Fortschritte, sondern auch die Neukonfiguration von Versorgungsmodellen, um sicherzustellen, dass Innovationen effektiv in die tägliche Praxis integriert werden. Mehr als bei früheren Innovationen erfordert KI diese Art der systemischen Neugestaltung, da ihr Einfluss den gesamten Patientenpfad umfasst und die Rollen von Fachkräften und Patienten neu definiert. Datenökosysteme werden hier eine entscheidende Rolle spielen: Ohne interoperable, vertrauenswürdige Plattformen bleiben die vielversprechendsten Anwendungen von KI begrenzt. Kliniker werden von KI als vertrauenswürdigem Partner unterstützt, wodurch sie sich auf Empathie und komplexe Entscheidungsfindung konzentrieren können, während die Technologie repetitive Aufgaben übernimmt. Letztendlich hat der Patientenpfad das Potenzial, personalisierter, effizienter und auf langfristige Gesundheitsergebnisse ausgerichtet zu werden – vorausgesetzt, die Gesundheitssysteme passen ihre Strukturen und Arbeitsabläufe an, um diese Chance voll auszuschöpfen.


